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Thema: Eincremen I - neue Schuhe

  1. #1
    Administrator Avatar von urban
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    Eincremen I - neue Schuhe

    Wir benötigen:
    1 Baumwolltuch
    1 Pinsel, schmal
    1 Schuhcreme (weich!) in der gewünschten Farbe bzw. Farbton
    1 Rosshaarbürste (ggf. Ziegenhaarbürste)

    Bitte nie bei der Schuhpflege, worauf man bei vielen Schuhpflegeseminaren überhaupt keinen Wert legt und
    somit nicht darauf hinweist, mit der Hand in den Schuh hineingreifen.
    Das Hineingreifen mit der (linken) Hand bringt insbesondere Nachteile bei der Wasserglanzpolitur, aber auch
    beim Eincremen/-wachsen:
    wenn man den Schuh mit der (linken) Hand unter dem Absatz greift, dann kann man ihn besser zur Arbeitsrichtung
    und ins Licht drehen.
    Speziell das Auspolieren gestaltet sich viel einfacher:
    die Bürste schwingt in einer Richtung und man dreht mit der linken Hand den Schuh unter die Bürste.
    Man hat so viel mehr Gefühl für die Tätigkeit der Arbeitshand wie z.B. Anpressdruck bei WGP und beim Polieren
    .


    Bei neuen Schuhen, speziell bei einem hellen Leder, muss man darauf achtgeben wie das Leder zugerichtet wurde;
    dies weiss der Schuhkäufer aber i.d.R. nicht - also ist etwas Vorsicht angesagt.
    Ich hatte einmal ein Paar sehr helle Schnürstiefel bei deren Erstpflege ich mich sehr verwundert hatte wie stark das Leder
    die Creme aufnahm und sich dabei von einem hellen Beige nach Cognac abdunkelte.
    Wenn man also das Leder nicht kennt, dann an der Innenseite (im Gelenkbereich) zuerst mit einer recht hellen Creme
    vorsichtig antesten, denn dunkler bekommt man das Leder i.d.R. immer.
    Der Gelenkbereich ist beim Tragen nicht gut sichtbar - deshalb mein Vorschlag, falls es doch wider Erwarten daneben gehen sollte.

    Wenn die Schuhe ein Brogueing aufweisen und in den Löchern die eventuell kontrastierende Farbe des darunter liegenden Leders
    sichtbar ist, dann die Löcher entweder mit einem Wachs unter Benutzung eines Spatels in der Farbe des Lochgrundes zudrücken oder,
    was viel einfacher ist, in diesem Bereich mit dem Pinsel vorsichtig die Creme auftragen.

    Man wickelt das Baumwolltuch um Zeige- und Mittelfinger (Tuch vor sich legen, Daumen und Mittelfinger hineinlegen,
    die beiden freien Zipfel des Tuches auf den beiden Fingern verdrehen und den so entstehenden Zipfel in die Daumenbeuge legen
    und festhalten) legen.
    Dann ganz leicht in die Creme eintunken und die Schuhcreme kreisförmig auf dem Schaftleder verreiben und die Bewegung
    dabei verziehen (wie bei einer Autopolitur).

    Je weniger Creme man dabei benutzt umso dünner wird die Cremeschicht auf dem Leder und desto leichter ist sie auszupolieren.
    Ob man an der Schuhspitze oder an der Ferse beginnt ist gleichgültig.
    Beim Eincremen halten wir mit der zweiten Hand, meist der linken, den Schuh am Absatz fest und drehen die einzucremende Stelle
    gegen das Licht, um so besser sehen zu können wann der erste Glanz aufkommt.
    Dieser ist bei einer Creme wohl seidig matt, aber es geht auch nicht um den Glanz an sich, sondern um die gleichmäßige und
    möglichst dünne Verteilung der Creme!
    Die Löcher des Brogueings ohne andersfarbigen Grund werden mit dem Pinsel eingerieben - auch dabei gilt: weniger ist mehr,
    also wenig Schuhcreme aufnehmen und dafür öfters.
    Der Schuh soll nicht (dick) eingeschmiert werden - was man nicht oft genug betonen kann.

    Der Übergang des Schaftes zum Rahmen bzw. zur Sohle wird ebenfalls mit dem Pinsel dünn eingerieben.
    Bei Kontrastnähten ebenfalls mit dem Pinsel die Creme vorsichtig entlang der zuvor mit Wachs getränkten Nähte eincremen;
    je schmäler die Nähte eingewachst sind, desto leichter fällt nun das Eincremen.
    Anstelle des Pinsels kann man auch eine Rundbürste mit Stiel oder eine sogenannte Sohlenrandbürste benutzen.
    Wenn dann auch der zweite Schuh eingecremt ist, dann kann man schon damit beginnen den ersten mit der Rosshaarbürste auszupolieren.
    Wir greifen die Rosshaarbürste, Besatzlänge ~40 mm, nur mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger, so dass sie in der Hand pendeln kann;
    den Zeigefinger legen wir leicht in die seitliche Führungsrille der Bürste.
    Die Bürste liegt also ganz locker in der Hand und kann frei schwingen - gesteuert und stabilisiert mit dem Mittelfinger.

    Nun bürsten wir den Schuh in Längsrichtung und dann quer dazu und diagonal ab - in jedem Fall nicht nur in einer Richtung.
    Die Bürste gleitet man ganz wenig Druck über das Leder - die linke Hand hält den Schuh unter dem Absatz fest und dreht dabei den Schuh in die gewünschte Position.
    Man kann den Schuh zweimal abpolieren - bei zweiten Durchgang erhöht man die Geschwindigkeit, damit das Wachs (in der Creme enthalten)
    noch gleichmäßiger verteilt wird und daduch der Glanz entsteht.
    Diese Cremeschicht ist die Grundlage für den anschließenden Wachsauftrag - je besser die Grundlage, also eine gute Politur
    ohne irgendwelche Cremereste, um so besser und leichter den anschließende Wachsauftrag.

    Bitte darauf achten, dass die Nähte keine Cremereste/-klumpen aufweisen:
    sollte dort vor dem Polieren erkennbar sein, dann mit einem Zahnstocher daran entlang fahren:
    den Zahnstocher in einem flachen Winkel auf die Naht auflegen und dann "rückwärts" mit ganz wenig Druck an der Naht entlangziehen.
    Nicht in Richtung Spitze mit dem Zahnstocher drücken!
    Die Cremereste werden so angelockert und können anschließend mit der Rosshaarbrüste, die etwas härtere Haare hat als die Ziegenhaarbürste
    abgebürstet werden: längs und quer zur Naht bürsten.
    Lederübergänge können auf dieselbe Art und Weise von Cremeresten vor dem Polieren befreit werden, denn es sieht nicht besonders gut aus,
    wenn der Schuh im Bereich des Brogueings oder der Schaftübergänge "verschmiert" ist.

    Den Rahmen, Sohlenrand (-schnitt) und den Absatz cremen wir ebenfalls ein - benutzen kann man die Sohlenrandbürste oder den Pinsel.
    Sollte der Sohlenrand dunkler sein als der Schaft, dann nur in Längsrichtung mit der Rosshaarbürste auspolieren, damit eventuelle Cremereste
    nicht auf den sauber polierten (hellen) Schaft fliegen.
    Wir sollten nun einen matt glänzenden Schuh vor uns stehen haben.

    Das Wichtigste hätte ich jetzt beinahe vergessen - das Warum!

    Leder hat einen Feuchtgehalt von 15 %, mind. jedoch 10 % - wird dieser beim Gerben unterschritten, dann droht Lederbruch
    und das Leder ist hinüber.
    Nun muss man wissen, dass bei der industriellen Schuhherstellung der Schaft maschinell eingeleistet (auf den Leisten gezogen) wird.
    Dazu braucht es Leder, dass sich dabei wenig dehnt, also einen relativ niedrigen Feuchtigkeitsgehalt hat, da man sonst dabei Probleme
    bekäme weil sich das Leder zu stark dehnte.
    Also ist das Leder von neuen Schuhen immer relativ trocken.

    Da aber das Leder beim Gehen gedehnt und gestaucht wird, braucht es ausreichend Feuchtigkeit und diese wird ihm mittels Schuhcreme,
    exakt via den darin enthaltenen Ölen, zugeführt.
    Schuhwachs dagegen zieht bekanntlich nicht ins Leder ein sondern haftet nur auf der Oberfläche vergleichbar mit Make Up!

    Die in der Schuhcreme enthaltenen Öle ziehen ins Leder ein und lagern sich in den unteren Lederschichten,
    zwischen den sogenannten Fibrillen an und machen das Leder so weich und geschmeidig;
    damit erhöhen sie zugleich wieder den Feuchtigkeitsgehalt des Leders auf 15 % und mehr.

    Dies hat 3 Effekte:
    • Gehfalten prägen sich nicht so stark aus und sind nicht so steil (Knittereffekt)
    • Das Leder ist widerstandsfähiger gegen Verschmutzungen wie z.B. Ketchuptropfen an der Frittenbude - diese hinterlassen
      weniger oder gar keine Flecken im Leder.
    • Die in der Ledercreme enthaltenen Farbpigmente lagern sich in den oberen Lederschichten an; dadurch wird die Farbe
      etwas intensiver oder, je nach Cremefarbe, etwas anders abgetönt.



    Vor dem ersten Tragen eines Schuhes muss dem Leder Feuchtigkeit zugeführt werden - also mit einer Creme,
    Lotion oder Lederöl für Profis, am besten 2 oder 3 mal.
    Und daher empfehle ich beim Tragen neuer Schuhe für die ersten 2, 3 Schuhpflegen nur das Einzucremen und
    nicht ausschließlich das Wachs,
    weil dieses dem Leder keine Feuchtigkeit zuführt, sondern es nur zum Glänzen bringt.
    Eincremen und Wachs geht schon...

    Sind die Schuhe einmal eingewachst, dann kann die Creme - je nach Stärke der Wachsschicht - kaum noch einziehen.


    Prinzipiell könnte man auch bei der Erstpflege auch ein Lederöl verwenden, aber dies enthält bekanntlich keine Farbpigmente.
    Und bitte das Lederöl NICHT mit Ledersohlenöl verwechseln!

    VORSICHT ist beim Gebrauch von Ledercreme mit Lösungsmittelanteil als auch bei Schuhwachs angesagt,
    da industriell hergestellte Schuhe gefärbt sein können und je billiger sie sind desto größer ist die Gefahr,
    dass die Farbe wie z.B. dunkle Schuhspitzen, nicht ausreichend stabilisiert ist.
    Dann löst das enthaltene Lösungsmittel diese Farbe an und die schöne dunkle Schuhspitze ist verschwunden!

  2. #2
    Administrator Avatar von urban
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    Ich habe den Text leicht überarbeitet, um herauszustellen, dass neue Schuhe immer vor dem ersten Tragen gepflegt werden müssen,
    da das Leder relativ trocknen ist und damit sich die Gehfalten weniger stark ausprägen.

    Soll die Oberfläche des Leders matt bleiben, wie z.B. bei Taschen, Geldbörsen und Gürteln,
    dann empfiehlt sich die Creme Delicate von Avel; eine Creme dagegen würde das Leder zum Glänzen bringen.

  3. #3
    Oleejo
    Gast
    Soweit ich das einschätzen kann kommen einige Schuhe bereits behandelt aus der Fertigung. Wie sollte man das verfahren wenn man nicht sicher ist ob eine dünne Creme oder Wachsschicht bereits auf dem Schuh ist?

    Empfiehlt es sich den Schuh vor dem Tragen gründlich zu reinigen und mit dem von nun an zu verwendenden Pflegemitteln neu zu behandeln?

  4. #4
    Administrator Avatar von urban
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    Es ist eigentlich nicht die Regel, dass Schuhe eingecremt aus der Fabrik kommen, manche Hersteller polieren sie maschinell mit Wachs damit sie besser aussehen.

    Ich würde die Schuhe vor dem ersten Tragen auf jeden Fall eincremen, um das Leder elastischer zu machen.
    Daran wie gut die Creme einzieht merkt man schnell ob ggf. auch eine Lotion als Feuchtigkeitsspender angesagt ist.

    Eine Grundreinigung mit Lederreiniger dürfte überflüssig sein.

  5. #5
    Erfahrener Benutzer
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    [QUOTE=urban;8]...Lederöl für Profis, am besten 2 oder 3 mal.[QUOTE]

    Nimmt das Leder nach der Lederölbehandlung noch Creme auf?

    Übrigens: das war ja ne Menge Text. Besten Dank. Ein paar Bilder würden Sache sicher etwas auflockern (zumindest die Benutzung nicht üblicher Gegenstände [Sohlenrandbürste, Pinsel, Zahnstocher, etc.]). Aber wer schon ein paar Mal versucht hat, seine Schuhe auf Vordermann zu bringen, wird auch so damit klarkommen.

    Gruss

  6. #6
    Administrator Avatar von urban
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    Ja, das Öl zieht tief in's Leder ein, aber zur Vorsicht würde ich nur 1 X ölen, denn es kommt darauf an wie dick man es aufträgt.
    Man bekommt es auch wieder aus dem Leder raus wenn es zu viel war - ist halt eben nur umständlich und zeitaufwändig.

    Das Leder nimmt Creme und Wachs wie normal auf, es sei denn man hat zu kräftig geölt....

    Zu den Fotos und ggf. Videos:
    Ich mache wirklich alles ganz alleine, habe also keinen, der fotografiert...

  7. #7
    Oleejo
    Gast
    Ich werde demnächst mal eine Bestellung aufgeben und mache dann Bilder.
    Mir fehlt ein richtiger Lederreiniger sowie Lederöl daher interessiert mich das Thema.

    Reicht für den Moment eine Creme wie zB. Saphir creme 1925 um alte Creme/wachsschlichten anzulösen ?

    Würde gerne einen Schuh reinigen (richtig blank machen) der zu viel Pflegemittel gesehen hat.

  8. #8
    Administrator Avatar von urban
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    Als Lederreiniger eignet sich eine Schuhcreme auf keinen Fall, ebenso wenig ein farbloses Wachs von wegen hohem Lösungsmittelanteil.

    Es gibt Lederreiniger wie z.B. den Renomat von Avel, der alle alten Wachs- und Cremeschichten herunter nimmt, den High Shine Cleaner von Boot Black speziell gedacht und geeignet
    für das Entfernen alter Wachs- und Cremeschichten, aber weniger als Fleckenentferner, dafür aber für den ersten Fall sehr gut in der Wirkung.

    Als reine Lederreiniger und Fleckenentferner die Leather Lotion MILD und die Leather Lotion (= Lederreiniger) von Boot Black,
    oder das Kombiprodukt, die Two Face Plus Lotion:
    die leichtere Flüssigkeit ist das Arganöl, das bei vorsichtigem Drehen der Flasche separat entnommen werden kann,
    die schwerere ist der Lederreiniger für die Entfernung wasserbassierender Flecken (logisch, dass nicht für Flecken auf Ölbasis, da Öl in derselben Flasche):
    Diese benutze ich auch zum Entfernen alter Wachs- und Cremeschichten (vorher schütteln)
    Gleichzeitig bildet sich durch das Arganöl eine samtige Schicht auf der Lederoberfläche, die beim anschließenden Cremeauftrag eine hervorragenden Glanz erzeugt.

    Für dickere Schichten den Boot Black High Shine Cleaner, ansonsten den Renomat von Avel oder die anderen Reiniger, je nach gesetzter Priorität.

    Es führen also mehrere Wege zum Ziel je nachdem wie die Schuhe aussehen.

  9. #9
    Oleejo
    Gast
    Danke, der Renomat wird es dann auf jeden fall.

    Zum Thema, gibt es eine Lotion/Öl die sowohl für Glattleder als auch shell Cordovan in Frage kommt?

    Ich würde am liebsten ein Produkt haben das die reine Feuchtigkeitszufuhr bewirkt ohne Nebeneffekte wie glanz, wachs etc.
    eine weitere Behandlung mit dem Leder entsprechender Creme und Hartwachs wäre ja dann nicht ausgeschlossen.

  10. #10
    Administrator Avatar von urban
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    Shell Cordovan benötigt keine besondere Feuchtigkeitszufuhr, da es ein geöltes Leder ist - selbst die speziellen Cordovan Cremes sind oft schon zu viel des Guten.

    Eine Feuchtigkeitszufuhr ohne Wachs bieten die Créme Delicate von AVEL und die Delicate Cream von Boot Black - habe aber keine Erfahrung welche der beiden besser ist.
    Diese sind in erster Linie für Lederwaren gedacht - für die Schuhpflege benutzt man bei AVEL die Lotion SMDO und bei Boot Black die oben beschriebene Two Face Plus Lotion;
    beide geben dem Leder Feuchtigkeit, während die Reinigungswirkung der SMDO-Lotion gering ausfällt ist die Two Face Plus Lotion stärker.

    Der Renovateur ist eine Crème Delictate, die mit etwas Wachs angereichert ist, also dem Leder nach dem Polieren oder Abreiben mit einem Baumwolltuch
    einen leichten Glanz verleiht - vergleichbar mit der SMDO-Lotion - aber gedacht für Lederwaren und Taschen, kein spezielles Mittel für Schuhe.

    Es kommt halt letzten Endes darauf an welchen Hersteller Du bevorzugen möchtest.

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