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Thema: Das Zwicken

  1. #1
    Administrator Avatar von urban
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    Das Zwicken

    ...ist eine Wissenschaft an sich, die über viel beim Schuh entscheidet.
    Nicht nur das Zwicken will gelernt sein sondern die Ruhezeit des Schaftes auf dem Leisten und das eventuell erforderliche Nachzwicken
    setzt so einiges an handwerklichem Geschick voraus.

    Gemeinhin wird der Vorgang wenn der Schuhschaft über den Leisten gesülpt oder gezogen wird als das Einleisten bezeichnet.
    Bei Schuhen aus der Schuhfabrik wird das Einleisten maschinell gemacht_:
    Der Leisten wird in eine Halterung der Maschine eingesetzt, der Schuhschaft darüber gelegt, Greifer erfassen den Scahft ringsum den Leisten
    und die Maschine zieht den Schaft darüber, so dass er straff daran anliegt.
    Anschließend wird er mit Stiften auf dem Leisten, genauer gesagt der Brandsohle, fixiert.

    Beim manuellen Einleisten legt der Schuhmacher den Schaft locker über den Leisten und begint sukzessive ihn mit Stiften auszurichten
    und zu fixieren. Zuerst wird der Schaft an der Längsrichtung des Schuhs ausgerichtet und an der (gedachten) Senkrechten des Fersenendes
    des Leistens - defacto dem gedachten Lot des Unterschenkels entsprechend.
    Die Basis muss stimmen.
    Erst danach wird der Schaft auch entlang der Seiten auf der Brandsohle fixiert.
    Ist diese Arbeit getan dann bekommt das gestresste Leder eine ruhepause gegönnt, damit sich stark gezogene Partien entspannen
    und beim Zwicken geringer beanspruchte Stellen mehr dehnen können - Ausgleich der Spannungsverhältnisse.
    Im Verlauf von ca. 2 Wochen wird der Schaft ggf. mehrfach nachgezwickt - man könnte auch sagen nachgespannt.

    Es ist nun nicht zwingend so, dass diese 2-wöchige Ruhezeit in jeder Schuhfabrik entfällt zund auch nicht so,
    bei George's Shoes in Inca, Mallorca, war es so üblich, was zu einem nicht unwesentlichen Teil zu deren Schuhqualität bei trug,
    dass jeder Schuhmacher dieses Ruhen des Leders auf dem Leisten inkl. Nachzwicken berücksichtigen würde.

    Und genau an diesem Punkt liegt der Casus knacksus begraben - der kleine aber sehr feine und wesentlich mit über die Qualität
    entscheidende Punkt zwischen den echten Könnern unter den ausgebildeten Schuhmachern und
    den angelernten Kräften in einer so genannten "Manufaktur", die zweifelsfrei eine sein mag wenn sie auch große Schuh-Stück-Zahlen produziert.

    Videos zu diesem Thema finden sich mwehr als genug in Youtube - ich bitte um Verständnis, dass ich hier jetzt keine verlinken möchte.

    Die Folgen der Schnellzwickerei ohne Wartezeiten und ohne Nachzwicken kann man an den fertigen Schuhen sehen - schauen Sie mal nach!

  2. #2
    Administrator Avatar von urban
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    Als hätte ich es nicht geahnt.
    Hier kann man sich die Folgen von sehr schelchtem Zwicken anschauen: https://stilmagazin.de/forum/threads...-2#post-569780

    Das ist aber nicht ausschließlich eine Folge schlechten Zwickens nach dem einleisten sondern auch der arbeitsteiligen Fertigung
    solcher handgemachter Schuhe geschuldet.

    Normalerweise werde Schuhe von einem einzigen Schuhmacher von Hand gemacht - er leistet ein, zwickt, doppelt, Bindet das Fersenleder ein,
    baut den Absatz inkl. der beiden Keder auf und er macht zum Schluss den Ausputz.
    Das kann aber nur ein gelernter Schuhmacher - kein angelerntes Personal.
    Angelernte Kräfte werden nur auf einen einen oder zwei Arbeitsschritte trainiert/angelernt:
    Die einzelnen Schuhteile durchlaufen in einer solchen Manufatur verschiedene Arbeitsstationen, die jeweils von mehreren Personen besetzt sind.
    Passiert ein kleiner Fehler, eine Unachtsamkeit, an einer Station bbei einem Arbeitsschritt - z.B. beim Einleisten,
    also am Anfang der Produktionskette, dann müsste dieser kleine Fehler an der nächsten Station, in dem Beispiel: beim Zwicken,
    korrigiert werden.
    Das passiert aber oft nicht, da der Zwicker als allererstes diesen Fehler feststellen oder bemerken müsste und, ganz wichtig,
    auch wissen müsste wie er diesen korrigiert.
    Da er aber nur auf einen Arbeitsschritt von vielen trainiert ist und er das Schuhmacherhandwerk nicht gelernt hat,
    weiß er nicht wie er das bewerkstelligen soll.
    Er erledigt daher seinen Arbeitsschritt und der Schuh durchläuft weiter die Produktionskette, die einzelnen Stationen.
    Natürlich könnte man das verhindern, aber, dann müsste nach jedem Arbeitsschritt die Qualität kontrolliert werden.
    Das dürfte nicht der Fall sein - eine Frage der Produktionskosten
    Passiert solch eine Unachtsamkeit einem gelernten Schuhmacher, dann kann er dies anschließend wieder leicht beheben:
    Er zwickt den Schuh entsprechent und korrigiert den Sitz des Schuhschaftes auf dem Leisten.
    Auch beherrscht er das Nachzwicken und weiß sehr genau wie welches Leder auf den Zug seiner Zange reagiert;
    ein vegetabil (pflanzlich) gegerbtes Kalbsleder reagiert nun einmal anders als ein chromgegerbtes,
    ein dickes Rindleder erfordert mehr Zug als ein feines Nubukleder.

    Ein zweiter Punkt ist die Zeit, die benötigte Arbeitszeit für ein paar Schuhe.
    Es dürfte jedermann klar sein, dass wenn die Schuhe arbeitssteilig gefertigt werden, dass dann die Kontroler die benötigte Zeit pro Station
    genau gemessen und festgelegt haben.
    Das schafft einen Leistungsdruck, dem nicht nur eine einzelne Person sondern die gesamt Kette ausgesetzt ist, alle Arbeiter/-innen
    in einer solchen Schuhfabrik.
    Erhöht man das Arbeitstempo zu stark, um die gestiegene Nachfrage auf dem Markt aufgrund intensiver Werbung zu befriedigenm,
    dann leidet unweigerlich die Schuh-Qualität darunter.
    Ist man zudem auf angelernte Kräfte angewiesen, so dauert es seine Zeit bis diese angelernt und eingearbeitet sind.

    Ergo kann eine Firma den Ausstoß einer Manufaktur für handgemachte Schuhe nicht x-beliebig erhöhen ohne dabei Gefahr zu laufen
    jede Menge Reklamationen zu erhalten und im schlechtesten Fall die Schuhmarke komplett gegen die Wand zu fahren.
    Man muss schon sehr genau wissen wie Schuhe von Hand gemacht werden - reine naive Mathematik reicht nicht aus,
    erst recht nicht das gesamte Internet wie gehabt mit Werbebannern zu zu pflastern und sich selbst eine Onlineretailerkompetenz anzudichten.'
    Das ist die eine Seite.

    Die andere ist die, dass ich niemanden empfehlen würde in einer solchen Manufaktur, in der Sfchuhe wohl in Handarbeit aber
    arbeitsteilig von angelernten Kräften fabriziert werden.
    Raten würde ich jedem, der sich für tatsächlich handgemachte Schuhe inetressiert diese bei einem Schuhmacher zu ordern,
    der selbst oder durhc einen einzigen Mitarbeiter dieses Paar Schuhe machen lässt.
    Nur dies bietet die Möglichkeit wirklich hochwertig gemachte Schuhe zu erhalten - das ist natürlich auch etwas teurer in Deutschland.
    Günstiger wie immer beim Schuhmacher in FGrankreich, Spanien, Portugal, Italien, Japan oder... direkt

    Das Zwicken eines Schuhschaftes ist eine Kunst, die man nicht in ein paar Wochen erlernen kann und die sehr viel Erfahrung und
    Fingerspitzengefühl erfordert, denn dabei entscheidet sich die finale Schuhqualität.


    Es gilt wie immer: Sich nie von günstigen Schuhpreisen zu einem Kauf verleiten lassen und immer sehr genau hinschauen!
    Fotos findet man hier mehr als genug, um zu wissen auf was man dabei alles achten sollte.
    SALES + HYPES sind dabei immer eine denkbar schlechte Kaufmotivation!

    Save Our Sense

  3. #3
    Administrator Avatar von urban
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    Wie gut ein Schuh gezwickt ist kann man auch leicht an den Seiten, den Quartieren, sehen:
    Ist der Schaft (zumindest) dort gleichmäßig also gut gezwickt, dann sieht man einen gleichmäßigen Glanz ohne jegliche Schatten.
    Liegt der Schaft dort in Wellen, dann sieht man das dort in Form von Schatten.

    Der Faltenwurf rundum die Schuhspitze ist ein kriterium für die Bewertung als leichte B-Ware (slightly seconds) - das sollte nicht sein.

    Eine andere 'kritische' Zone liegt oberhalb des Absatzes, dort wo der Rahmen, der beidseitig in etwa an der Absatzvorderkante endet,
    seine Fortsetzung durch den oberen Absatzkeder findet.
    Der Schuhmacher kann den Schaft in diesem bereich auf der Brandsohle nageln oder mit einem Draht (gepechter Zwirn) einbinden,
    was wesentlich aufwendiger ist.
    Wichtig ist aber beim ersten Betrachten der Schuhe, dass man dort keine Wellen im Leder sieht und dass der obere Keder bei rahmengenähten Schuhen
    nicht weit auskragt (übersteht), also möglichst bündig mit dem Schuhschaft abschließt.
    Bei anderen Macharten wie z.B. Norvegese, Stagno, bentivegna oder Zwiegenäht sieht das natürlich allein schon aufgrund der Machart anders aus.

    Details + Fotos folgen...

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