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Thema: Shell Cordovan = Pferdeleder = horse hide?

  1. #1
    Administrator Avatar von urban
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    Shell Cordovan = Pferdeleder = horse hide?



    A Tour of Horween Leather - ab 2:11 wird's interessant!



    Allen Edmonds Genuine Shell Cordovan Leather



    Nun die Muskeln eines Pferdes:



    Fällt etwas auf?
    Die Nr. 5 ist der mittlere Kruppenmuskel - in Englisch Glutea Fascia genannt
    Auf dem nachfolgenden Foto kann man deutlicher erkennen, dass dieser Flachmuskel von einer Schicht Faszien überdeckt ist.



    Die Faszien in der schematischen Darstellung:


    und beim Metzger schaut das dann so aus.



    Eine ungegerbte Rinderhaut besteht (von oben nach unten) aus:
    • Epidermis - Oberhaut - auch bekannt als Hautschuppen, um es einfach zu erklären, und die bei Gerben entfernt wird
    • Papilarschicht mit den eingelagerten Haarwurzeln und Haarauslasskanälen
    • Retikularschicht
    • Subcutis - Unterhaut mit eingelagerten Blutgefäßen, Fett- und Muskelgewebe, die ebenfalls vor dem eigentlichen Gerbvorgang entfernt wird


    Schaut man sich die Videos aus der Gerberei Horween, dem bekanntesten Lieferanten von Shell Cordovan an, so sieht man,
    dass nur der hintere Teil der Pferde-roh-haut für Shell Cordovan gegerbt wird.
    dass nach dem eigentlichen Gerbvorgang das Leder oberhalb der beiden (Shell-) Butts, der Spiegel, weg gefräst wird,
    um an das Shell Cordovan, die beiden Shells/Butts heran zu kommen.
    So erhält man das 'rohe' Shell Cordovan - vergleichbar mit Crustleder, also ungefärbtem Leder. Man sieht auch sehr deutlich an dem Hellbraun oder Beige der Shells,
    dass sie pflanzlich gegerbt wurden [bei der Gerbung mit Salzen wären sie grau.]

    Danach werden die noch verbundenen Shells mit einem Öl-Fett-Farb-Gemisch eingerieben, man könnte auch sagen, eingeschmiert,
    womit man sich das englische Wort the smearing leicht merken kann. Der Terminus in Deutsch heißt das Lickern, hier exakt: kalt lickern.

    Zum Abschluss werden die beiden Butts auseinandergeschnitten und mit einer Quarzrolle glanzgestoßen, geglättet.

    Ergo ist Shell Cordovan kein Leder, denn es ist gerade keine gegerbte Lederhaut mit deren typischer Struktur,
    also weder Pferdeleder noch horse hide.
    Wenn also Leute von Cordovan (= Korduanleder), Pferdelederschuhen und so weiter sprechen, dann ist das schlicht und einfach falsch!


    Wohl profitiert das Shell Cordovan vom Nimbus, dem legendären Ruf des Pferdeleders, dass insbesondere im 19. Jahrhundert sehr haltbare und strapazierfähige Stiefel,
    neudeutsch Boots, daraus (Pferdeleder) gemacht wurden, ist aber heutzutage bei Schuhen eher ein Kultobjekt, denn von praktischem nutzen für den Schuhträger.
    Das liegt insbesondere daran, dass es kaum bis gar nicht den Fußschweiß hindurch lasst, was auf das Ölen und das Verdichten seiner Oberfläche, dem Glanzstoßen,
    zurück zu führen ist.
    Nur keine Angst - ich bin 1988 auch auf den ALDEN-Hype herein gefallen und wollte möglichst exklusive Schuhe haben, die sonst keiner hat, kannte
    oder sich leisten konnte/wollte und was weiß ich was für ein Schelm da in mich gefahren war.
    Ich hatte sogar eine kleine Sammlung davon und damit damit viel Geld zum Fenster hinaus geworfen.
    Aufgrund der Wasserpickel beim Laufen durch den Regen, ich erlebte einmal in FFM eine große Blamage als mir der Terminpartner auf meine "ungepflegten Schuhe" schaute,
    und irgendwann hatte ich die Schnauze voll von diesen Schuhen, in denen es sich so gut schwitze trotz Strümpfen aus 100 % Baumwolle.
    Endgültig diesem Fass den Boden ausschlug war die total vermurkste Reparatur in einer bekannten Schuhwerkstatt.


    Pflege von Shell Cordovan

    Ich hatte vor geraumer Zeit mal geschrieben:
    Die MAC-Methode ist Internet-Geschwätz analog zu den Ausführungen des Essigwasserfreaks aus dem Styleforum,
    der durch sauren Regen durchnässte Schuhe noch mal extra mit seinem Essigwasser abreibt, und das obwohl der saure Regen
    bereits den idealen ph-Wert für Leder hat.
    Niemand muss mittels einem feuchten Lappen dafür sorgen, dass sich Wasser im SC einlagert und gleichmäßig verteilt;
    es sei denn jemand erklärt mir den Sinn davon.
    Funktionieren tut es, optisch zumindest sieht es so aus als ob:
    Die sichtbaren Wasserbläschen an verschiedenen Stellen im Shell Cordovan werden halt eben großflächig um Wasser ergänzt,
    so dass es sich im gesamten Oberleder, den gegerbten Faszien, gleichmäßig verteilt (= deren typische Eigenschaft).

    Mit einem Baumwolltuch zu polieren wäre ja auch etwas zu einfach, haben die alten Schuhputzer schon so gemacht,
    und hört sich natürlich auch nicht so wichtig an wie MAC METHODE.

    Das möchte ich ergänzen:
    Wenn man den gesamten Schuh aus Shell Cordovan, "das Oberleder", mit Wasser abreibt, dann bringt man es damit großflächig zum Einlagern desselben
    und damit zum Anschwellen.
    Das macht aber keinerlei Sinn - denn niemand, der eine Hautschwellung hat, versucht das durch Anschwellen der übrigen Haut auszugleichen,
    sondern versucht die Schwellung weg zu bekommen, da sie auf einer Hautreizung wie z.B. einem Bienenstich hervorgerufen wurde.
    Wenn jemand Wasserpickel auf seinen Shell Cordovan-Schuhen beseitigen möchte, dann gilt folgendes:
    Reibung erzeugt Wärme - Wärmezufuhr bringt Wasser zu Verdunsten
    Ergo reibt man seine Schuhe möglichst schnell mit einem gefalteten (Baumwoll-) Tuch, und sei es auch ein (Stoff-) Taschentuch ab,
    so wie man es von den Straßenschuhputzern her kennt, und nach kurzer Zeit ist der Wasserpickel verschwunden.

    Die Pflege von Shell Cordovan unterscheidet sich also schon allein wegen des Rohmaterials sehr stark von Leder;
    weitere Unterschiede sind bedingt durch das Kaltlickern und die Färbmethode.

    Darüber später mehr, Ergänzungen werden ebenso wie eventuelle Fragen dazu? beantwortet werden - jetzt habe ich schlicht und einfach Hunger.

  2. #2
    Erfahrener Benutzer
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    Vielen Dank für den obigen Beitrag.

    Angenommen, ein entsprechender Schuh ist stärker verschmutzt (z.B. durch die Verwendung falscher Pflegemittel) - welche Maßnahme zur schonenden Reinigung empfehlen Sie?

  3. #3
    Administrator Avatar von urban
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    Ich würde die Schuhe zuerst abbürsten und dann mit einem Lederreiniger und einem Baumwolltuch die Wachs- und Cremereste abreiben, anfangs mit wenig Druck später ggf. mehr.
    Sind nur die Wachsklümpchen zu entfernen, dann würde ich das mit einem Kautschukgummi wie dem Cleaning Bar Natural tun,
    denn das Abreiben mit einem Stück Naturkautschuk ohne Einsatz von Chemie ist immer noch die schonenste Methode - nur leider so gut wie unbekannt,
    Schuhmacher kennen diese Methode allerdings sehr gut.

  4. #4
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    Ich bedanke mich für die Antwort.

    Erste Reinigungsversuche mit Bürsten, Tuchen und dem milden Reiniger des Lederzentrums scheiterten kläglich. Zur Sattelseife möchte ich ob des Glyzerin-Anteils nicht greifen. Deshalb dachte ich an das Boot-Black-Sortiment.
    Wie stark reinigt die 2FacePlus-Lotion? Wäre ob der ihr inhärenten Pflegeeigenschaften noch eine zusätzliche Einheit mit spezieller Cordovan-Creme notwendig?
    Geändert von Biondo (11.12.17 um 23:33 Uhr)

  5. #5
    Administrator Avatar von urban
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    Ich habe sie noch nicht an Shell Cordovan ausprobiert - Kalbleder reinigt sie mittelstark, je nach Druck.
    Das Leather Shampoo bekommt höchstwahrscheinlich den Schmutz runter; dann wird aber auch garantiert die Shell Cordovan Cream anschließend benötigt.
    Sie hat wohl eine pflegende Wirkung, kann aber auch zu ihrer Wirkung an SC nicht sagen.
    Gibt es ein Foto der Schuhe?

    Fotos meiner gewaschenen Klablederschuhe:

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Größe:  32,0 KBName:  P1100463_edited-1.jpg
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Größe:  47,9 KB

  6. #6
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    Für ein Foto fehlen mir hier gerade die passenden Lichtverhältnisse. Ferner befürchte ich, dass Sie ob des Zustandes der Alden SC kollabieren würden, auch wenn Sie kein Freund dieses spezifischen Materials sind - diese sind vermutlich mehr als drei Dezennien alt, nie angemessen gepflegt/gereinigt worden und deshalb unansehnlich und zermürbt. Ein Patient.

    Order ist abgeschickt, ich werde es mit der 2Face+Lotion und der Cordovan-Crème von BB probieren. Vorher/Nachher-Dokumentation werde ich hier gern posten, sofern Interesse besteht..

  7. #7
    Administrator Avatar von urban
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    Mein Freudnschaft zu Shell Cordovan würde ich lieber als vergangene Passion bezeichnen wollen.
    Von 1988 bis 1997 ungefähr glaubte ich, dass meine Alden Shell Cordovan etwas besonderes wären und mich aus der Masse der Schuhträger heraus heben würden,
    nach dem Motto: Ich bin etwas besonderes, da ich ganz besondere Schuhe trage!
    obwohl sie mich oft genug geärgert hatten mit ihrem Hang zur Bläschenbildung und aufwendigen Pflege.
    Ja genau, die von so vielen bestritten wird, die die Pflegedefizite ihrer Schuhe zu Patina hoch stilisieren.

    Nach der verpfuschten Reparatur hatte ich dann endgültig jede Lust diese Schuhe zu tragen verloren.
    Ich werde mir auch keine Schuhe mehr aus Shell Cordovan zulegen, zu aufwendige Pflege, um in etwa den Zustand "neu" zu erhalten,
    die Bläschenbildung im Regen und zu starkes Schwitzen darin sobald es warm wird.
    Es war in den achtziger Jahren ein von Alden geschickt inszenierter Hype, der an das Selbstbewusstsein der Schuhträger appellierte.
    Kann man ganz getrost vergessen - viel zu teuer, hat fast jeder.

    Ein Schuh aus dem spitzenmäßigen Kalbsleder von Perlinger steht noch ganz oben auf meiner Wunschliste.

    Aber zur Pflege:
    Ich würde diese sehr alten verwahrlosten Schuhe einleisten, waschen, ein, zwei Stunden lang antrocknen lassen und mit einem mehrfach gefalteten Baumwolltuch polieren,
    so wie man es bei den Schuhputzern auf der Straße immer wieder sieht, schnell hin und her ziehen und dabei den Zug, den Druck, auf's Leder erhöhen:
    Reibung erzeugt Wärme, bei Wärme dehnt sich die Farbe des SC aus, Stichwort: smearing,
    man sieht danach wie viel Farbe noch wo vorhanden ist und wo man mit der Shell Cordovan Cream mit Bedacht nachbessern muss.
    Das Ganze aber bitte sehr intensiv machen!
    Gleichzeitig erkennt man die Wachsklümpchen oder das was nach dem Polieren noch von ihnen sichtbar ist und kann deren Reste vor dem Eincremen mit dem Cleaning Bar entfernen.
    Nach dem Eincremen dann wieder eine Politur mit dem gefalteten Baumwolltuch.

  8. #8
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    Patient konnte gerettet werden! Ich bin Ihrer Methode gefolgt, ergo kamen der cleaning bar sowie die 2Face+-Lotion zum Einsatz. Eine ungemein zeitintensive Initiative, die sich meines Erachtens jedoch gelohnt hat. Bilder des ursprünglichen Zustandes sowie des finalen Ergebnisses folgen, da der Schuh just beim Fachmann zur Modifikation der Sohle ist.
    Einzige Abweichung meinerseits (Häresie!): Ich bin Nick Horween gefolgt und habe das gereinigte Paar mit zwei minimalen Lagen "Venetian Cream" bedacht.

  9. #9
    Administrator Avatar von urban
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    Ob nun Venetian Cream oder sonst eine, ich bin mal gespannt auf das Resultat nach der Neubesohlung.

    Shell Cordovan kann je nach Schuhzustand schon etwas Aufwand erfordern - wenn man den Bogen raus hat, die Schuhe regelmäßig bürstet und mit dem Baumwolltuch pflegt,
    dann geht es viel schneller.
    Man muss nur noch die Balance halten zwischen "Reibung erzeugt Wärme" und dem möglichst vermeidbaren Nachcremen, um eine Überfettung zu vermeiden.

  10. #10
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    Ich bin Ihnen und den stillen Mitlesern noch die Dokumentation schuldig.

    Ausgangsproblem:
    Mutter der aktuellen Trägerin der in den folgenden Bildern zu sehenden Alden Monkstraps störte sich am Austreten des Fettes in den Gehfalten. Scheinbare Selbsthilfe: Die Schuhe wurden in mehreren Lagen mit Kiwi-Schuhwachs in der Farbe "oxblood" zugespachtelt.

    Das ist die Ausgangssituation:

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    Erste Versuche der Problemlösung mit dem milden Lederreiniger von Lederfein sowie Essigwasserkonzentrat zur Anlösung der Wachsbeschichtung schlugen vollends fehl. Nach Kontaktaufnahme zu Herrn Buchmann Bestellung der 2Face+Lotion sowie eines Radiergummis. Nun begann die eigentliche, letztlich zielführende Arbeit. Im Wechsel von Lotion und Gummi habe ich die Schichten sukzessive anlösen und abnehmen können, dieser Schritt bedurfte jedoch in der Summe einiger Stunden. Nach erfolgreicher Reinigung der Oberfläche und einem abschließenden Auftrag bereits genannter "Venetian Cream" gingen die Schuhe zum Schuhmachermeister, der das Paar neu besohlte. Dieses Paar wurde in der Zwischenzeit ca. 6x in etwa 6-8 Stunden getragen und erreichte mich am Freitag nachmittag in diesem Zustand:

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    Im Nachhinein würde ich die "Venetian Cream" nicht wieder auf Shell Cordovan verwenden, sie zieht Staub und Schmutz magnetisch an und reagiert auch höchst empflindlich auf zarteste Wassertropfen.

    Die Schuhe wurden von mir in zwei Durchgängen mit der 2Face+ gereinigt und mit einer Ross- bzw. Ziegenhaarbürste gestreichelt. Es fehlt noch eine finale Lage der "Boot Black Cordovan Cream":

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    Ich bin der Meinung, dass die Schuhe wieder tragbar sind bzw. in einen annehmbaren Zustand zurückversetzt werden konnten. Zum Einsatz kamen übrigens weder "spoon" noch "bone".

    Mein Dank gilt Ihnen, Herr Buchmann. Beste Grüße!
    Geändert von Biondo (25.02.18 um 23:13 Uhr)

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