Schaut man sich im World Wide Web um, dann könnte Mann wirklich meinen, DER GENTLEMAN trägt immer einen Anzug + Hemd + Krawatte + blank polierte Schuhe, alles natürlich am besten BESPOKE
und streng nach den GENTLEMAN RULES, nach festen Regeln
während ein DANDY seine Kleidung dazu nutzt sich auf seine spezielle Art zu exponieren und vielleicht auch die vorgenannten strengen Regeln zu karikieren.

Meine Meinung zu den GENTLEMAN RULES ist ganz einfach die: ich halte sie für albern.
Zumal viele Männer sie scheinbar gelesen aber nicht umzusetzen wissen oder einfach nur nicht verstanden haben
was sie denn wirklich meinen mit "No Bown in town!" aber sei's drum.... in irgendeinem Buch hatte ich sie mal gefunden,
aber wirklich interessiert haben sie mich nie.
Wichtig war für mich nur eins, dass sich gut angezogen bin.

Das kann man natürlich auf verschiedene Arten interpretieren, ist aber ganz einfach.
Zuerst einmal witterungsangepasst - ich trage im Winter keine Baumwollunterwäsche und -socken, billige schon mal gar nicht,
sondern solche, die warm hält.
Im Sommer entsprechend dünne, feine Wäsche und luftig gestrickte Baumwollstrümpfe, in der Feizeit auch schon mal Socken.
Dasselbe gilt für die Schuhe, mit Gummisohle für den Winter und dünnere Ledersohlen oder Loafer für den Sommer.

So geht das munter weiter.... bis zu dem Moment, an dem ich beachten musste - ganz besonders bei der Krawattenwahl,
wenn denn schon ein Außentermin anstand, ich wie dort wirken wollte.
Mit einer Motivkrawatte, vielleicht sogar mit einem lockeren Motiv zu einem Notar- oder Banktermin - war wohl nicht!
Aber genau so wenig mit einer sehr streng wirkenden Krawatte, die vielleicht auch noch sehr teuer ausschaute,
zu einem Behördentermin - das ging wohl auch nicht, alleine schon, um keine Neidgefühle hervor zu rufen,
da waren dann die beschwingten Motive schon viel eher angesagt, wie der Maler mit der Farbquaste an der langen Stange
oder ein Bleistift plus Nummer.
Solche Teile lösten die eventuell leicht angespannte Stimmung im Amt schon enorm auf.
Schuhe, die durften ruhig braun sein, sogar etwas Erde durfte damals daran haften.
Nur bitte keine schwarzen blank polierten Oxfords!
Anzug beim ersten Behördengang zu einem mir unbekannten Beamten? Niemals!
Das komplette Erscheinungsbild richtete sich soweit nach meinem tagsaktuellen Job, den ich zu machen hatte.
Mit einer krachneuen schwarzen Bikerjacke aus Leder in den Termin mit dem Bankvorstand brachte mir einmal
den (Be-) Ruf BODYGUARD ein; ich saß wohl direkt zur Rechten des Herrn Vorstands, mein Herr + Gebieter einen Stuhl weiter,
aber immerhin! Nicht dass der Herr Vorstand ihn noch angegriffen hätte!
Kleider machen Leute!
Bei der Verabschiedung vor dem Haupteingang mimte ich dann den Chauffeur.

Wohlfühlen musste ich mich, das Thema Sommer und Winter hatten wir ja schon, aber auch die Farben von Hose, Sakko, Schuhen usw. mussten stimmen. Das allmorgendlichte Procedere vor dem Spiegel wenn ich nicht nur in's Büro oder zur ... musste.
Reserveschuhe, -hemd, -jacken, -schuhe hatte ich immer im Auto, dessen Rückbank oft eine gewisse Ähnklichkeit
mit einer Umkleidekabine hatte.
Mein Kleidungsstil zu dieser Zeit würde ich bei Anzügen als klassisch streng, meistens ZEGNA, und bei den anderen Sachen
als sportlich-legere bezeichnen. Die rustikale Phase mit vielen Klamotten aus UK kam erst viel später, ist aber nach einer sportlichen auch schon wieder lange perdu.
Aktuell meist italienisches Design wie man gut an meinem Peacoat sieht, der weit eleganter und schöner geschnitten ist
wie seine eher grobschlächtigen Pendants aus England, aber ein paar Winter- und Lederjacken aus Nordamerika
hängen auch noch im Schrank und werden regelmäßig getragen.
Nur gut, dass ich so schnell nicht nach Japan komme, die dortigen Kunsthandwerker würden mich wirklich arm machen,
noch feiner, noch besser, noch schöner, noch hochwertiger - alleine: Wer soll das bezahlen?
Und was mache ich mit meinem Bestand?

Alleine, es kommt nicht darauf an zu versuchen irgendwelche albernen Gentleman-Regeln zu befolgen, womöglich
soagr noch auswendig gelernt,
sondern auf seinen Geschmack, sein Farbsehen, seine Art und Weise, möglichst gekonnt, Kleidungsstücke
miteinander zu kombinieren, um die eigene Persönlichkeit, Stimmung und Laune auszudrücken.
Sich ein klein wenig mit Garnen, Stoffen, Macharten usw. auszukennen hat beim Kauf auch noch nie geschadet,
auch ich wurde durch Schaden klug: Nicht das Brand zählt sondern Material und Verarbeitung.

Gut angezogen ist also meine Losung - Deine auch?