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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Welchen Einfluß haben rahmengenäht & Goodyear Welted auf die Schuhqualität?



urban
15.12.12, 18:07
Ich will es Ihnen verraten:
Gar keinen!
Es trifft in vielen Fällen sogar das Gegenteil zu, speziell bei "preiswerten" Schuhen.

Vielmehr werden unzählige Schuhe in der Machart Goodyear Welted produziert und dabei einfachste Materialien verwendet,
aus Kostengründen mehr schlecht als recht zusammengeschustert und sehr oft auch noch komplett falsch konstruiert,
um sie mit dem Attribut "rahmengenäht" geschmückt "recht preiswert" in den Markt drücken zu können.
Die Schuhproduzenten produzieren lieber im relativ kostenintensiven GYW-Verfahren statt
in einer anderen, preiswerteren Machart qualitativ besseres Leder zu verwenden.

Oft ist daher leider zu beobachten, dass diese Schuhe keinen Stand haben, die Spitze (-nzugabe) zu lang ist,
(die anatomische Ballenlinie des Schuhes liegt zu weit vorne, also vor der Ballenlinie des Fußes)
das Oberleder sehr einfach, oft deckgefärbt/beschichtet, die Vorderkappe drückt sich durch's Oberleder durch,
dito bei der Fersenkappe, die Schuhe sind um die Längsachse verwunden usw. usw..
In vielen Fällen die logische Konsequenz des Kostendrucks.
Daher sind solche "preiswerten", rahmengenähten Schuhe oft nicht wirklich ihren Preis wert!

Und was bitte bedeutet Goodyear Welted praktisch für den Kunden?
Meist wird nur ein T-förmiges Band, das Gemband, unter die Brandsohle geklebt, diese Methode nennt sich Primestitched,
und daran wird dann der Lederriemen, der Rahmen, angenäht:
also ist das ja eigentlich eine reine Klebeverbindung der Sohle mit der Brandsohle, oder?
Diese Klebemethode findet man bei manchen Schuhmarken mit Preisen auch jenseits der 1.000 €uro-Marke.

Dann gibt es sehr bekannte Marken, die ihre Schuhe sogar rundum rahmennähen (360 Grad rahmengenäht) und
oberhalb des Absatzes den durch den Rahmen entstehenden Raum mit Korkschrott zustreichen.
Dadurch hat der Fuß, gerade die Ferse, keinen festen Halt im Schuh - sie sinkt etwas darin ein.
Der Absatzklotz wird oft auch nur unter die Laufsohle geklebt - wenn nun versierte Youtube-Besucher einwenden,
dass auch genagelt wird, so schaut's wohl so aus, aber was sollen die Nagelspitzen schon halten,
sollten sie überhaupt noch in die Sohle eindringen?

Also sind die ach so hoch angesehen rahmengenähten Schuhe, Goodyear Welted mit Gemband, also der einfachsten
GYW-Ausführung tatsächlich nur geklebt - die 360 Grad, also rundum rahmengenähten zu 100 %.
Die Gembandausführung findet man bei weit über 90 % aller rahmengenähten Schuhe, selbst bei Edward Green!


http://www.youtube.com/watch?v=x_0hczSirzY ab Minute 3:14

Aber auch Allen Edmonds, Alden und viele andere mehr benutzen das Gemband und nähen ihre Schuhe 360 Grad,
oft sogar lassen sie sogar die Gelenkfeder weg oder benutzen einen Holzspatel als billigen Ersatz.

Tipp:
Schauen Sie sich die Schuhe vor dem Kauf genau an - Sie müssen oberhalb der Laufsohle über dem Absatz
einen Keder, die Fortsetzung des Rahmens im Absatzbereich, entdecken;
läuft der Rahmen durch, dann haben Sie leider nur einen 360 Grad rahmengenähten Schuh in der Hand.

Die aufwendigere Machart mit Hilfe einer Reißlippe in der Brandsohle, an die der Rahmen angenäht wird, ist dagegen kaum gebräuchlich
oder relativ unbekannt auf dem deutschen/europäischen Markt, u.a. weil solche Schuhe mind. 450/500 €uro kosten,
wobei sie dann natürlich auch aus weit besserem Leder gemacht sind.

Das oft vorgetragene Argument der leichteren Reparatur bei rahmengenähten Schuhen löst sich spätestens dann vollkommen in Luft auf
wenn das erste Paar Sohlen (inkl.) Absatz fachgerecht ersetzt werden muss und mind. 100.- € dafür fällig werden, weil handgedoppelt
werden muss.
Dies überlegt sich der Kunde zweimal, da er für ein paar €uro mehr bereits ein Paar neue Schuhe kaufen kann.

Worin bitte sollte also der Vorteil von Goodyear Welted in den meisten Fällen liegen?

Man kann Schuhe auf demselben Leisten - also mit derselben Passform - auch in anderen Konstruktionen bzw. /Macharten herstellen,
denn oft sieht der Kunde noch nicht einmal ein Unterschied geschweiige denn spürt er ihn beim Gehen.

Leichter zu Gehen, also mit geringerem Widerstand bei ansonsten komplett identischer Ausführung, ist
ein rahmengenähter Schuh nur bei handangenähten Rahmen (Riemen) und Handdoppellung oder
mindestens bei einer Brandsohle mit Rißlippe, wofür es keinen speziellen Ausdruck gibt, an die der Rahmen angenäht wird.

Ein Schuh besteht ja wirklich nicht nur aus dem Gemband (Klebeband) und dem ~45 cm langen Riemen/Rahmen,
und auf all diese Bestandteile hat Goodyearwelted keinerlei Einfluß oder besteht eine Wechselwirkung.
Vielmehr könnte man in einer anderen Machart, sei es rahmengenäht oder ohne Rahmen genäht,
zu demselben Ladenpreis ein Paar Schuhe aus besseren Materialien herstellen.

Also ist "rahmengenäht" gerade in der Preisklasse bis ca. 250.- € entbehrlich und eher kontraqualitativ,
da der Hersteller die Mehrkosten für das GYW besser in wertigeres Material und in eine sorgfältigere
Verarbeitung an sich investieren sollte.

Aber - da sind ja noch die Kunden, die unbedingt rahmengenähte Schuhe möglichst preiswert kaufen wollen,
statt mehr auf die Schuhqualität insgesamt zu achten.


Oder habe ich etwas nicht bedacht?

urban
21.02.13, 16:32
Ich habe den Artikel leicht überarbeitet.

Ich habe nichts gegen preiswerte Schuhe, würde aber unterhalb von 250.- € schon Schuhe empfehlen,
bei denen der Rahmen direkt an die Brandsohle genäht ist (Blake Rapid genannt).
Diese Schuhe sind flexibler beim Gehen und diese Machart preiswerter in der Produktion, ca. 5.- € bis 10.- € weniger,
das macht also ungefähr den Mehrpreis von Rendenbachsohlen und -absätzen bei der Herstellung aus.
Das freigesetzte Geld ist besser in gutes Schaft- und Futterleder investiert oder in die zitierten Sohlen.

Und nein - es kann kein Wasser durch die Blakenaht in den Schuh eindringen.
Dies ist nur bei ganz leichten durchgenähten Schuhen (Blake stitched) der Fall wenn sie nur eine einfache Sohle haben;
ist eine Mittel-/Zwischensohle bzw. ein Rahmen vorhanden, dann schon nicht mehr.

Aber was schreib ich da nur - wo doch namhafte Schuhexperten etwas ganz anderes geschrieben haben?
Und exklusiv auf der Insel gute Schuhe gemacht werden.
Über meinen "Spott" regte sich mal ein Händler mächtig auf - seine Private Label-Schuhe kommen aus?
Nein - sie sind nicht Made in UK, ma fatte in Italia...;)
Dabei war es gar kein Spott, ich wollte die Leser nur mal mit der Nase auf Schuhe aus anderen Länder stossen,
denn die Engländer, die Schuhfabriken, um es genau zu sagen, sind etwas weniger gut als ihr exzellentes Image,
und viele Männer kaufen ihre Schuhe immer noch von dort wegen ihres tiefverwurzelten Aberglaubens,
und weil es dort so viele preiswerte Shoe Shops gibt.