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urban
21.07.12, 18:33
Vielen Männern sind Schuhpreise ein Rätsel und ich möchte versuchen dies möglichst einfach aufzuklären.

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Dieser Schuh kostet im Geschäft so wie er hier zu sehen ist mit Ledersohle und -absatz 295.- €.

Mögliche Upgrades wären:
Goodyear Welted statt Sacchetto
Rendenbach Sohle + Rendenbach Absatz
verdeckter Einstichkanal
Boxcalfleder
gerundeter Steg, ein- oder beidseitig
als Beispiele

Damit würde er dann ca. 369.- € bis 399.- € kosten.

Nun könnte ihn der Hersteller aber auch für den Endkunden billiger machen:
dünneres Leder
billigerere Gerberei als Lieferant, ggf. mit Qualitätseinbußen
Chromgegerbtes Oberleder statt vegetabilem
Futterleder chromgegerbt statt vegetabilem
Brandsohle dünner oder gleich aus Lederfaser
Absatz aus Lederfaser oder gleich aus Kunststoff mit Leder ummantelt, nicht genagelt
dünnere Laufsohle
Spitzen- und Fersenkappe aus Kunststoff statt aus Leder
kein Ausputz (keine Verziehrungen)
Schaft einfacher gearbeitet wie z.B. ohne ausgeschärfte Lederteile (= grobere Übergänge im Schaft)
usw.

So ließe sich der Endkundenpreis um ca. 75.- € reduzieren - dann würde dieser Schuh nur noch ca. 225.- € kosten.
Wohlgemerkt optisch nicht von dem abgebildeten zu unterscheiden und komplett aus europäischer Produktion.

Um den Preis noch mehr zu drücken, verlegt der Hersteller Teile des Produktionsprozesses ins außereuropäische Ausland
benutzt aber weiterhin in Europa nach den hohen Standarts gegerbtes Leder.

Den für den Käufer günstigsten Preis kann der Hersteller dann anbieten wenn er auch das Leder für das Obermaterial,
das Futter, Sohlen und Absatz ebenfalls aus dem Ausland bezieht - will sagen:
Am billigsten sind/werden die Schuhe wenn alles, Material und Verarbeitung, aus einem absoluten Niedriglohnland stammen.

Will der Kunde aber schadstofffrei produziertes Leder und die europäische Wirtschaft unterstützen,
also auch seinen eigenen Arbeitsplatz,
dann kostet der abgebildete Schuh halt eben ab 295.- €, ggf. plus Upgrades und das OHNE Brand-Aufschlag.

Grundsätzlich gilt also wieder der abgedroschene Spruch: You get what you pay for!

Verkauft der Hersteller seine Schuhe aber unter einer bekannten Marke, dann erhöht sich der Schuhpreis
natürlich entsprechend, bei noch bekannteren Brands mit intensiver Bewerbung noch einmal.

Von diesen Marktregeln gibt es eigentlich nur eine Ausnahme:
Sie finden irgendwo in Portugal, Spanien, Italien einen Schuhfabrikanten, der das Internet noch nicht nutzt oder kennt
und der seine Schuhe unter Umständen unter pari an Sie verkauft - das wäre aber viel Glück.

P.S.
Ich hätte auch einen anderen Schuh für 150.- € nehmen können, z.B. frz. Marke mit iberischem Hersteller,
und diesen "hochrechnen" können.
Die Preis- und Qualitäts- bzw. Ausstattungsskala bliebe aber in etwa gleich,
was auch irgendwie logisch ist, da die Gerbereien jedem Schuhfabrikanten das Leder ungefähr
zum gleichen Preis verkaufen.
Die Unterschiede von einem Land zum nächsten sind also höchstens die Lohnstückkosten.

Weiterführende Informationen zu den Qualitätsmerkmalen von Schuhen finden Sie hier:
http://www.bestofbest-mode.com/showthread.php?515-Qualit%E4tsmerkmale-von-Schuhen-erkl%E4rt-anhand-von-Fotos&p=689&viewfull=1#post689

urban
15.09.14, 12:17
Das Merkmal, das den Preis von Schuhen im Geschäft am meisten bestimmt, ist die Marke und damit verbunden das markentypische Design.
Je bekannter die Marke, je exklusiver deren Renommée, desto höher liegen die Preise ohne dass damit ein proportionaler Mehrwert der Schuhqualität, Verarbeitung und Leder, einhergeht,
sieht man vom Design einmal ab.
Es gibt einige bekannte Marken, die in der Preisklasse von 800 €, 1.000 € und höher liegen, die aber grundsätzlich genau so einfach gearbeitet sind wie rahmengenähte Schuhe
der Einsteigerklasse - sie zeichnen sich durch ein besseres Design (nur das Aussehen als solches ist hier gemeint, nicht etwa die Fehlerfreiheit der Konstruktion wie eine zu hohe Spitzenzugabe)
und ein feineres Oberleder aus.
Die Machart ist aber nach wie vor Goodyear Welted mit Gemband - in Englisch spricht man auch vom gemming - also sehr einfach und kostengünstig zu produzieren.
Bei manchen dieser bekannten Schuhe kommt zu der feineren, sauberen Verarbeitung noch ein feinerer Ausputz, also Verzierungen wie gestuppter Rahmen oder abgerundetes Gelenk usw. hinzu.
Der Aufpreis für das Brand oder das spezielle Schuhdesign ist aber dennoch exorbitant hoch gemessen an der eigentlichen Schuhqualität,
die im Grundsatz nicht besser ist als bei dem eingangs zitierten Beispiel-Schuh, gleich von welchem Hersteller, für rd. 300.- €.

Daher verzichte ich hier wie auch später auf die Benennung dieser Brands - wer möchte, der kann mir eine pm zusenden, aber dieser Namen dürften auch allgemein bekannt sein.

Dieser Aufpreis für das Brand macht sich aber auch schon bei wesentlich preisgünstigeren Schuhen unterhalb oder um die 500 € bemerkbar,
wobei die Schuhe mit bekannten Namen sich von der 1 T€-Klasse bei derselben Machart (GYW mit Gemband) sich meist durch eine wesentlich einfachere Verarbeitung
ohne Verzierungen (= Ausputz) und günstigere Leder für Schaft, Futter, Brandsohle usw. von den Teuren unterscheiden.

Ob und welche Goodyearwelted-Machart ein Schuh hat erkennt man, wenn man im vorderen Teil des Schuhes den Schaft mit dem Daumen leicht nach oben drückt, um in den Spalt zwischen
Rahmen und Schaft hineinschauen zu können. Dann kann man sehen wie der Rahmen mit der Brandsohle, dem Schuhboden, verbunden wurde und, falls vorhanden,
das helle (weiße) Gemband erkennen.

Die weniger bekannten Schuhmarken bieten also mehr Schuh für's Geld, da sie (bisher?) noch keine teuren Werbekampagnen gestartet hatten und, oder weil sie den Markt erobern wollen.
Fortsetzung folgt...

urban
15.09.14, 21:56
Nun werden einige Leser ganz sicher denken: rahmengenäht ist rahmengenäht
und halten genauere Betrachtungen dieser Machart, die verschiedenen Ausführungen, für reine Haarspalterei und verlieren dabei ihr Ziel irgendwann einmal selbst
handgemachte Maßschuhe zu besitzen vollkommen aus den Augen.
Warum halten sind diese Schuhe so begehrenswert? Nur wegen der zwei eigenen, individuellen, persönlichen Leisten und der dadurch erhofften perfekten Passform an den Füßen
oder spielt die Handarbeit, konkret der von Hand an die Brandsohle genähte Rahmen (handeingestochen) und die händisch an den Rahmen genähte Sohle (handgedoppelt)
doch auch eine wesentliche Rolle beim Gehen selbst?

Garantiert!

Durch die beiden Handnähte, mit denen der Lederiemen (Rahmen) die Laufsohle (bzw. Zwischen-/Mittelsohle) und die Brandsohle verbindet,
gewinnt der Schuh seine einmalige Flexibilität, er geht viel besser mit - es läuft sich viel leichter darin, Muskeln und Sehnen sowie das Fußskelett werden
durch den insgesamt niedrigeren Aufbau (= Abstand zw. Brand- und Laufsohle) und den Wegfall der Aussteifung durch die Kombination Gemband + Rahmen
in viel geringerem Maße beansprucht als beim Goodyearwelted-Schuh Primestitched (= GYW + Gemband).
Wenn jemand einmal die Gelegenheit hat an einem Fuß einen handgenähten + handeingestochenen Schuh und an seinem anderen einen GYW Primestitched
auch nur ein paar Schritte weit zum Vergleich zu tragen, der wird den großen Unterschied sofort bemerken, und sich wundern!

Rahmengenäht ist noch lange nicht rahmengenäht!

Der Vollständigkeit halber muss man angeben, dass zwischen dem handeingestochenen und handgedoppelten Schuh noch die maschinengenähte Ausführung
unter Verwendung einer Brandsohle mit Rißlippe liegt, an die der Rahmen angenäht wird. Diese ist minimal flexibler als Primestitched, kommt aber bei weitem
nicht an die händische Ausführung heran.
Wesentlicher flexibler (ich bleibe mit Absicht bei diesem Adjektiv) sind da doch schon die Schuhe, bei denen der Rahmen mit der Maschine direkt an die Brandsohle
angenäht wird, die Machart: Durchgenäht oder Blake Rapid.
Der Rahmen liegt dabei flach auf der Brandsohle auf und setzt so der Abrollbewegung, dem Biegen von Brand- und Laufsohle, kaum einen Widerstand entgegen.
Der Aufbau, die Füllung mit Korkschrot, die sogenannte Ausballung ist gerade mal so hoch wie der Rahmen dick ist, maximal, also sehr dünn.
Damit wird Fußfehlstellungen sehr gut vorgebeugt bzw. bereits (leicht) vorhandene nicht weiter verstärkt.

Auf die Mär vom Fußbett bei den preisgünstigen rahmengenähten Schuhen, bei denen an allen Ecken und Kanten gespart werden muss,
wie eine dünne Brandsohle (ggf. sogar aus Lederfaser [Lefa]) und dünne chromgegerbte Laufsohlen, die als solche schon viel härter sind als vegetabil gegerbte,
und andere Geschichten rund um den "preiswerten rahmengenähten Schuh" - oft auch von "Experten" nur nachgeplappert, möchte ich nicht weiter eingehen;
das hatten wir schon zu oft!

Faktum ist aber, dass es schon sehr große Unterschiede beim Gehen zwischen Goodyear Welted mit Gemband (Primestitched) Schuhen und
handeingestochen und -gedoppelten Schuhen gibt, die aus den verwendeten Materialien wie hartem chromgegerbten Schaftleder,
ebenso gegerbten Sohlen (Brand- u. Laufsohle) und der Aussteifung durch die Ausführung der Machart "rahmengenäht" herrühren.

Dicke Doppel- und Dreifachsohlen steifen dagegen jeden Schuh aus - da spielen alle anderen Faktoren so gut wie keine Rolle mehr.

Für den Schuhkäufer oder -aficionado bedeutet dies, dass er sich mit den verschiedenen Ausführungen von "rahmengenäht" beschäftigen muss,
um sie zu erkennen, und dass er bereit sein sollte auch einmal von einem Schuhhändler empfohlene Schuhe nur mal anzuprobieren.
So kann Mann sehr viel Geld sparen - denn beim Gehen sieht man keine Markenzeichen oder Logos, spürt aber sofort wie bequem ein Schuh ist.

Jemand, der allerdings mehr auf Marken steht und bereit ist dafür viel Geld auszugeben, dem kann man nur empfehlen diverse Schuhblogs zu besuchen,
um immer aktuell über die Okkasionen das BSP zu steigern ohne sich selbst dabei zwingend etwas Gutes zu tun informiert zu sein.


P.S. Ich hatte eigentlich das Verb anschauen in dem letzten Satz verwandt, aber doch noch schnell die Kurve gekriegt...tun deren Betreiber ja schließlich auch nicht! Sie partizipieren am BSP. :wink:

urban
17.09.14, 10:40
Es ist nur leider so, dass sich selbst Aficionados, die sich selbst gerne als die absoluten Schuhliebhaber sehen, sich weniger mit der Art und Weise wie ihre Schuhe gemacht wurden,
auseinander setzen als auf bekannte Marken zu schwören OHNE deren mögliche Qualitätsdefizite anzuschauen.
Liegt dies an dem schönen Wort MARKENqualität?
Oder haben Schuhforen und -blogs diese Art der Herangehensweise an hochwertige Schuhe inszeniert, oder waren es Bücher, in denen diese Sicht der Schuhe verbreitet wurde?
Blogs, in denen "Gemming" als die einzige Möglichkeit propagiert wird den Männern preiswerte Schuhe anbieten zu können oder
Bücher, in denen der rahmengenähte Schuh als das Maß aller Dinge, gemeint natürlich der maschinengenähte Goodyearwelted-Schuh, und dass deren Preis einen Anhalt für die Qualität bieten würde?
Nun ja - egal - so ist das nun einmal nicht.

Der einfachste Weg wie man zu Schuhen kommt, die preiswert sind, gut sitzen und lange halten ist der sich selbst mit der Materie zu beschäftigen und
sich nicht immer auf Marken, egal woher man sie kennt, zu verlassen.
In Foren und Blogs wird viel geworben - mal für Qualität in jeder Hinsicht und ohne irgendwelche Schuhe verkaufen zu wollen, so wie hier, oder in konkreter Absicht:
DAS sollte man schon bemerken und bei eigenen Überlegungen berücksichtigen, und vor allen Dingen sich nicht von vielen, bunten Schuhfotos blenden lassen,
sondern genau, sehr genau, hinschauen auf die Schuh-Fotos.

Je mehr ein Mann sich mit Schuhen ernsthaft beschäftigt, um so eher kommt er zum vernünftigen Preis zu sehr guten Schuhen! :flag_of_truce:

Wer jedoch Preis, Marke und Design über alles stellt, der mag wohl an billige und auf den ersten Blick hin schöne Markenschuhe kommen - aber das war es denn auch leider schon.