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urban
17.12.11, 19:18
Vorabversion des Gesamttextes - ich bitte um Verständnis, da dieses Thema sehr komplex ist und ich es für jeden Laien verständlich darstellen möchte.
JEDE Vervielfältigung, Verlinkung und das Kopieren ist ohne mein Einverständnis verboten!

Vorbemerkung:
Es gibt nach meiner bescheidenen Meinung sehr große Defizite was das Wissen der Leute um ihre Füße und Schuhe angeht.
Auch die Fibel "Wie finde ich meinen passenden Schuh" der Initiative Passender Schuh trägt dem nicht vollumfänglich Rechnung;
so wird z.B. nicht eindringlich genug darauf hingewiesen, dass der Mensch 2 Füße hat, oft verschieden groß, und
dass das gekaufte Schuhpaar, bekanntlich 2, auch an beide möglichst gut passen soll.
Das klingt wohl auf den ersten Blick sehr banal - ist es aber nicht!

Fast jeder kennt seine Schuhgröße, oder glaubt dies zumindest, im Internet gibt es dann die Experten, die es den Leuten rechnerisch genau erklären,
aber was ist die Schuhgröße nun tatsächlich?
Alle bei uns bekannten Schuhgrößenangaben basieren in erster Linie auf der Fußlänge, sie werden entweder in Englischen Stich (auch barleycorns genannt = 1/3 Inch/Zoll = 0,84 mm oder in Pariser/Französischen Stich (2/3 cm = 0,66 cm), auch in den USA wird das engl. Maßsystem angewendet.
Sie berücksichtigen aber nicht alle anderen Maße bzw. Dimensionen der Füße wie z.B. Weiten, Höhen, Fersendimension usw..

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Auf den Zeichnungen sehen Sie:
a) die gesamte Fußlänge: gemessen in der Flucht der Fußmitte, sie reicht vom hintersten Punkt der Ferse( nbogens) bis zur längsten Zehe (großer oder erster kleiner Zeh)
b) das Fußgewölbe
c) die anatomische Ballenlinie [vgl. technische Ballenlinie]: sie wird gebildet durch die Mitte des Großzehen- und die Mitte des Kleinzehenballens und sie liegt schräg zur Längs-/Mittelachse des Fußes - zur Leistenerstellung wird insbesondere der Ballenumfang gemessen
d) Vorfuß: der Teil des Fußes, der von der Ferse aus betrachtet hinter der anatomischen Ballenlinie liegt: etwa Zehengelenke und Zehen
e) Rückfuß: dito vor der anatomischen Ballenlinie: Ferse und Rist bis zu den Zehenballen (/-gelenken)

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Das Fußprofil - das technische Ballenmaß = der Fußumfang an diesem Meßpunkt.
Die Trittspur bezeichnet die Auflagefläche des Fußes auf der Unterlage - die maximale Breite des Fußes ist aufgrund seines Profils größer.
Dies hat Einfluß auf die Gestaltung und Breite des anzufertigenden Leistens, da er sich nach der maximalen Breite des jeweiligen Fußes richten muss.

Der rechte Fuß von unten betrachtet und mit eingezeichneten Maßentnahmepunkten:

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Anmerkung:
Die schwarze Linie ist die Trittspurkontur, also der Fußabdruck auf der Unterlage.
Der Fersenbogen, der max. Auslenkpunkt - braune Linie - liegt weiter hinten - dieser ist der Nullpunkt bei der Messung der Fußlänge (Nullpunkt der X-Achse).

Von der Ferse zu den Zehen - alle Angaben in Prozent (%) der Gesamtfußlänge von der Ferse, dem Nullpunkt der Messung, zu den Zehen hin:
Die Fersenbreite, Trittspurbreite und maximale Breite, wird am Punkt 20 % der Fußlänge gemessen.
Die Trittspurbreite ist der Bereich der Ferse, der tatsächlich auf dem Untergrund aufliegt - die Ferse wird dann nach oben breiter bis sie ihre maximale Breite erreicht. 1045
Das technische Ballenmaß, nicht zu verwechseln zum anatomischen Ballenmaß, am Punkt 65 % der Gesamt-Fußlänge:
dabei wird im rechten Winkel zur Fußmittelachse die Fußbreite an diesem Meßpunkt gemessen.
Daneben wird in diesem Meßpunkt der technische Ballenumfang gemessen und das technische Ballenprofil (= Schnittzeichnung des Fußes) erstellt werden.
Die anatomische Ballenlinie, die Achse, die durch die Mitten von Großzehen- und Kleinzehenballen definiert wird; sie liegt im stumpfen Winkel zur Fußmittelachse;
gemessen wird die anat. Ballenbreite, die -höhen, damit das anatomische Ballenprofil erstellt werden kann, und in jedem Fall der anatomische Ballenumfang.
Die projizierte anatomische Ballenline, ganz rechts mit Pfeilen, ist das Maß des anatom. Ballenumfangs aber gemessen im rechten Winkel zur Fußmittelachse.

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Den Fersenbogen habe ich in dieser Zeichnung zum leichteren Verständnis als Fersenkurve bezeichnet; man könnte, von der Seite aus betrachtet, auch Fersenkontur dazu sagen.
Untere Begrenzung: Trittspurpunkt der Ferse - obere Begrenzung: Fersenbeugepunkt.
Der Rist (manchmal auch Spann genannt) wird vermessen im Punkt 50 %, also bei der halben Gesamtfußlänge:
man mißt dort die Risthöhe und die Ristbreite, also die maximale Breite des Fußes an diesem Meßpunkt.

Knöchel:
Der Knöchel liegt an der Außenseite des Fußes niedriger als an der Innenseite; daher müssen beide Maße, die Höhen, genommen werden.
Für die Herstellung von Stiefeletten und Stiefeln muss zwingend auch der max. Knöchelumfang gemessen werden, um den Schaftumfang entsprechend festlegen zu können.



Das Hakenmaß:
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Das Hakenmaß wird über den Fußbeugepunkt und die Ferse am Trittspurpunkt gemessen.
Dem Hakenmaß kommt bei Stiefeln eine besondere Bedeutung zu, da es den Mindestumfang des Stiefels festlegt, damit der Träger mit seinem Fuß hineinschlüpfen kann;
andererseits darf der Stiefel nicht zu weit geschnitten sein, damit er den Fuß umschließt und nicht zum Schlappen neigt.
Der Schuhmacher kann aus dem Hakenmaß auch noch andere Maße, die er zur Schuh- bzw. Leistenkonstruktion benötigt, ableiten.


1. Zwischenresümmee der Fußmaße:
Gesamtlänge des Fußes
anatomische Ballenlinie: tatsächliche "Breite" und projizierte Breite und der anatomische Ballenumfang als wichtigstes Maß.
Risthöhe und Ristbreite als maximale Breite im Meßpunkt halbe Fußlänge (= 50 % der FL)
Fersenbreite maximal und Trittspurbreite der Ferse
Fersenbogen

Die praktische Bedeutung dieser Maße von der Ferse in Richtung Schuhspitze:
Die Fersenkurve, also ob stark oder schwach gewölbte Ferse, muss bei der Schuhauswahl unbedingt beachtet werden:
Ist die Ferse nur schwach gewölbt und es wird ein Schuh mit ausgeprägtem Fersenbogen (= Hinterkappe des Schuhes) ausgewählt, dann drückt der (obere) Schuhrand stark auf die Ferse
und scheuert die Haut dort wund bis hin zur Blasenbildung.
Umgekehrt schlappt der Fuß aus dem Schuh wenn der Fersenbogen, die Hinterkappe, bezogen auf eine stärker gewölbte Ferse, zu flach ausgeprägt ist.
Beim Kauf sollte also unbedingt auf die eigene Ferse und die Krümmung/Beugung der Fersenkappe eines Schuhes geachtet werden, um sowohl Blasen als auch das Schlappen zu verhindern.
Schuhhersteller behelfen sich indem sie im Fersenhinterbereich ein sogenanntes Fersenpolster als oberen Abschluss einbauen, um so die unterschiedlichen Krümmungen von Ferse und
Fersenkappe etwas ausgleichen zu können.
Um das Schlappen zu verhindern wird auch im Fersenbereich kein Glatt- sondern ein Rauhleder ins Innenfutter eingearbeitet, um so die Reibung zwischen Strumpf und Innenfutter zu erhöhen
und so das Herausschlappen des Fußes aus dem Schuh zumindest zu erschweren.
Ebenso viel Beachtung sollte man der Fersenbreite, gemessen am Meßpunkt von 20 % der Gesamtfußlänge, beimessen - wohl kann der Fuß die Seitenteile der Schuhe geringfügig aufspreizen aber dies sollte nicht zu einem Austreten
der Schuhfersenkappe bzw. des Schaftes führen, da der Schuh so nach sehr kurzer Zeit seine Stabilität verliert und der Ferse keinen Halt mehr bietet.

Der Lagerung der Ferse kommt insgesamt deshalb die hohe Bedeutung zu, leider sehr sehr oft vernachlässigt, weil sie das gesamte Körpergewicht trägt - klar im Stand grundsätzlich je Ferse/Fuß das halbe Gewicht.
Insbesondere muss die Brandsohle unter der Ferse waagerecht verlaufen, denn wäre sie dort auch nur geringfügig schräg, dann würde der Fuß in Richtung Vorderfuß rutschen und den den Schaft über dem Rist aufweiten.
Darüber später mehr.

Knöchel und Höhe der Quartiere (Seitenteile) des Schuhes:
Die Quartiere sollen bei höherwertigen Schuhen verschieden hoch sein und möglichst bis unter den Knöchelansatz reichen, um so dem Fuß möglichst viel Halt zu bieten.
In keinem Fall dürfen die Quartiere zu hoch sein und bis auf den Knöchel reichen, weil sie dann die Haut aufscheuern würden - reichen sie über den Knöchel (nach oben) hinaus, so ist das wiederum kein Problem.
Nur Schuhe der Liga "preiswert" (= billig) begnügen sich mit auf beiden Seiten gleich niedrigen Quartieren, um so an möglichst viele Füße zu "passen".

Ristbreite und Risthöhe:
Der Messpunkt von Ristbreite und -höhe befindet sich im Bereich des Fußgewölbes, genau auf halber Fußlänge, und damit auch im oberen Bereich der Schnürung bzw. bei Monks der Schnalle(n).
Da der Schuh mittels der Schnürung bzw. der Schnalle am Fuß fixiert wird, darf der Schaft nicht zu weit sein und sollte eine kleine Nachschnürreserve haben, also sollen die beiden Leiderteile sich
bei einem neuen Schuh nicht berühren sondern zusammen von vorne betrachtet ein "spitzes V" bilden.
Im Bereich des Ristes (oder des Ristumfangs resp. der Trittspur) liegt der Fuß nur mit dem jeweiligen Außenspann auf der Brandsohle auf;
bei einfachen Schuhen mit fast senkrecht abfallenden Quartieren steht das Fußgewölbe frei über der Brandsohle (auf die Brandsohle aufgeklebte Schaumstoffpolster, die sich schon mit einem Finger eindrücken lassen,
sind vollkommen bedeutungslos - man denke nur einmal an den Druck des Körpergewichtes);
nur bei höherwertigen Schuhen ist die Brandsohle und damit der Schaft so weit eingezogen, dass dieser direkt unter dem Fußgewölbe anliegt und dieses stützt.
Dies ist bei maschinengenähten Schuhen in der Machart Goodyear Welted so gut wie nie der Fall, da man in dieser - von außen betrachtet - Beuge nur sehr schwierig die Sohle mit der Maschine an den Rahmen doppeln kann.
Bei durchgenähten Schuhen ist es dagegen schon möglich den Schaft unter das Fußgewölbe zu ziehen - wenn auch bei weitem nicht so stark wie bei handgenähten Schuhen.

Die technische Ballenlinie - Meßpunkt bei 65 % der Fußlänge:
Die techn. Ballenlinie dient zur Herstellung von Serienleisten und legt die Schuhweite in/an diesem Punkt fest - genau genommen also das Leistenprofil (Höhe, Breite, Kontur);
daher basieren zumindest in Deutschland alle Weiten- und auch die Längenangaben der Leistenhersteller auf diesem Maßpunkt.
Alle anderen Maße werden von diesem Meßpunkt aus in Richtung Vorfuß/Zehen betrachtet - also auch die Schuh-/Leistenlänge - aufgrund von Erfahrungswerten oder Designvorgaben
3-dimensional (Länge, Breite. Höhe und damit die Kontur des Leistens bzw. Schuhinnenraums) festgelegt; dabei spricht man auch von dem "Goldenen Schnitt".
Wichtig ist auch zu wissen, dass rechter und linker Schuh bzw. Leisten bzgl. ihrer Maße und Dimensionierung nur "gespiegelt" sind - also dieselbe Bemaßung haben!

Es ist also ein ganz großer Irrtum, wie er leider und fast ständig im Internet verbreitet wird, dass die Fußlänge plus die Spitzenzugabe, mal ist von 12,70 mm, mal von 15 mm die Rede,
die Leistenlänge und damit die Schuhgröße resp. die Schuhlänge festlegt.
Vielmehr basieren alle Serienleisten in ihrer Gesamtausgestaltung auf den ersten 65 % der Fußlänge, klar, einer imaginären, da diese fehlenden 35 %, also grob das vordere Drittel des Leistens bzw. des fertigen Schuhes
von seinem Design bestimmt wird, also ob der Schuh vorne spitz zuläuft oder eher eine runde Schuhspitze (-kappe), bei der die Gesamtlänge des Schuhs natürlich kürzer ist als im ersten Fall, aufweist.
Dazu später mehr und genauer im Detail.

Die anatomische Ballenlinie:
Diese spielt, wie sich aus der Beschreibung des technischen Ballenmaßes ergibt, in erster Linie bei Maßschuhen, oder besser formuliert: bei tatsächlich handgenähten Schuhen, eine große Rolle.
Der Vorteil der Maßnahme des Ballenumfangs, der Ballenbreite, der -höhe und der -kontur liegt darin, dass der Leisten, und damit auch der fertige Schuh, gerade nicht aufgrund von Erfahrungswerten sondern
aufgrund der tatsächlich abgenommenen/vorliegenden Fußmaße konstruiert wird und - ganz wichtig - man nicht vergessen darf, dass nur bei solchen Schuhen der rechte und der linke Leisten/Schuh entsprechend den tatsächlichen Fußmaßen gemacht werden,
also die 2 Leisten für rechten und linken Fuß in fast allen Fällen verschieden groß, genauer: verschieden dimensioniert sind (die Länge wird aus optischen Gründen nach Möglichkeit beibehalten)

Die Gesamt-Fußlänge:
Sie wird beginnend mit dem Nullpunkt, dem hintersten Punkt der Ferse(-nkurve) entlang der Fußmitte bis zum längsten Zeh gemessen (der längste Zeh ist in der Regel der große, es kann aber auch der erste kleine Zeh sein).

Fußtypen:
Wie Sie als Leser schon erahnen, gibt es unheimlich viele verschiedene Füße - von lang und schmal bis hin zu kurz und breit, mit hohem Rist oder flachem, mit breiter Ferse und mit schmaler, mit stark oder schwach gewölbter Fersenkurve.
Es ist auch nicht etwa so, dass es nur breite Füßen mit hohem Rist oder schmale Füße mit flachen Rist und schmaler Ferse gibt - es existieren alle erdenklichen Form- und Maßkombinationen.
Es gibt also bei derselben Fußlänge eine fast unüberschaubare Zahl an verschiedenen Fußdimensionen.
Daher sind alle in Serie hergestellten Schuhe immer ein Kompromiß zwischen den Fußmaßen bzw. Dimensionen und dem Serienleisten bzw. dem darauf gemachten Schuh:
ein perfekt, oder auch nur annähernd perfekt, passender Serienschuh, sind für nur einmal einen Fuß ein absoluter Glücksfall - für beide Füße, und dies würde bekanntlich voraussetzen,
dass beide möglichst identische Dimensionen haben, ein absoluter Volltreffer!
Glauben Sie daran?

Teil II beschäftigt sich mit den Leisten, Serienleistenund Maßleisten, sowie ihrer Konstruktion. - Ich mache jetzt mal 4.Adventpause!

urban
18.12.11, 19:38
Der Leisten, gleich ob Serien- oder Maßleisten, ist nicht identisch mit dem Fuß - also kein Abbild 1:1!

Bei einem Maßleisten nimmt der Maßschuhmacher die verschiedenen zuvor beschriebenen Maße des Fußes (natürlich beider Füße!) und wendet diese bei der Leistenbemessung an.

Eigenschaften des Maßleistens

Fersensprengung:
Dies ist der Abstand der Fersenunterkante bis zur Unterlage - in der Regel also [grob] die Absatzhöhe (sieht man von Konstruktionsfeinheiten bei der Absatzkonstruktion im Bereich der Brandsohle einmal ab).
Die Fersensprengung beträgt bei Herrenschuhen i.d.R. 25 mm, kann aber nach oben oder unten abweichen. Bei Damenschuhen liegen sie oft höher.
Durch die Anatomie des Fußes bedingt wird die konstruktive Breite der Ferse beim Leisten um so schmäler je höher die Fersensprengung (der Absatz) ist.
Der Leisten eines Mokassins (ohne Absatz) gibt die Fersenbreite ungefähr 1:1 wieder - bei einem Absatz (Fersensprengung) von 25 mm ist der entsprechende Teil des Leistens schmäler als die Fersenbreite des Fußes.
Spitzensprengung:
Die Fersensprengung bzw. die Absatzhöhe bedingen, dass der Vorderteil des Schuhes (Brand- und Laufsohle) nach oben gebogen ist, da ansonsten der Schuh mit dem Absatz plan auf der Unterlage stehen und nur noch mit der Schuhspitze die Unterlage berührt - logisch, dass sich Brand- und Laufsohle dann beim Gehen und auch im Stand durch das Körpergewicht durchbiegen würden.
Daher wird der Leisten so ausgearbeitet, dass der fertige Schuh bereits (von der Ferse in Richtung Zehen betrachet) vor der anatomischen Ballenlinie aufliegt und ab dieser Linie nach oben zeigt.
Beim Gehen, genau genommen beim Abrollen über die Schuhspitze, wird der Schuh gebogen - um den Grad des Biegens zu reduzieren wird der Schuh beim Machen bereits "vorgebogen" bzw. dieser Umstand bereits bei der Leistenkonstruktion in der Art berücksichtigt, dass die Unterseite von dessen Spitze nach oben zeigt.
Das Maß, um das der Leisten an seiner Spitze hochsteht nennt man die Spitzensprengung - beim fertigen Schuh zeigt die Sohle ab der anatomischen Ballenlinie (= Biegeline) nach oben.
Je höher der Absatz desto höher muss daher auch die Spitzensprengung sein.
Ausnahme:
Schuhe mit Doppel- und Dreifachsohlen, die so hart und steif sind, dass sich der Schuh beim Gehen nicht durchbiegt - mir ist es wohl ein Rätsel wie man damit angenehm gehen kann,
aber auch diese Schuhe finden ihre Liebhaber.

Leistenlänge:
Diese wird auf Basis der Fersenkurve (= erforderlichem Fersenbogen im fertigen Schuh), des (übrigen) Rückfußes, des Vorfußes und des gewünschten Aussehens der Schuhspitze,
also ob rund, oval oder spitz zulaufend, inkl. der Spitzenzugabe vom Schuhmachermeister festgelegt.
Dabei berücksichtigt er insbesondere auch den großen und den kleinen Zeh, damit diese beim Gehen, denn dabei bewegt sich der Fuß etwas nach vorne im Schuh, nicht gequetscht oder gestaucht werden.
Das Maß "Schuhinnenlänge - Fußlänge" nennt man die Spitzenzugabe - dieses Maß bzw. diese Zugabe (Freiraum für die Zehen) wird beim Leistenmachen berücksichtigt.

Alle anderen Fußmaße und die Fußkonturen an den verschiedenen Stellen ("Meßpunkten") werden beim Leistenbau ebenfalls berücksichtigt; dabei berücksichtigt der Schuhmacher
aber auch bereits die erforderliche Korrekturen wie sie z.B. bei einem leichten Spreizfuß erforderlich sind (der Leisten bzw. der Schuh wird im Vorderfußbereich enger geschnitzt als es der Fuß tatsächlich ist.].

Eine Herausforderung beim Leistenbau ist der Bereich der Abbildung des Fußgewölbes am Leisten und setzt viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl voraus, da dem Schuhmacher nur die Trittspur als 2 dimensionaler Abdruck zur Verfügung steht, aber der fertige Schuh - genau der Schaft in Kombination mit dem Unterbau - das Fußgewölbe passgenau in Längs- und Querrichtung unterstützen muss und
dabei auch unter Umständen auch bereits einen leichten Senkfuß korrigieren soll.

Der Maßleisten als Negativform des zu machenden Schuhes wird also insbesondere beeinflusst durch die Schuhform, die Fersen- und Spitzensprengung, die anatomischen Eigenschaften des jeweiligen Fußes
und natürlich durch das Schuhdesign, dass umgesetzt werden soll.

Der Serienleisten:

Der Hauptunterschied zwischen einem Maßleisten und einem Serienleisten liegt in seiner Entstehung - während der Maßleisten auf der Basis der tatsächlichen Fußmaße erstellt wird,
basiert der Serienleisten auf dem Schuh-Modell-Entwurf eines Schuhdesigners, der anschließend vom Leistenbauer in die 3-dimensionale Form eines Leisten umgesetzt wird.

Wie schon zuvor erwähnt, werden die Leisten(-formen) für alle anderen Schuhgrößen/-weiten aus der Urform dieses Musterleisten mittels Gradierung (Skalierung vergleichbar mit einer Vektorgrafik)
konstruiert und gefertigt.
Also basiert der Musterleisten nur auf dem Schuhdesign mit einer Bemaßung/Dimensionierung, die sich rein nach dem guten Aussehen richtet, nicht aber auf tatsächlichen Fußmaßen.
Länge, Breite, Höhe - alles rein fiktiv erstellt.
Ein Serienleisten, meist aus Kunststoff hergestellt, verfügt wie der Maßleisten über Fersen- und Spitzensprengung, weist ein Hakenmaß aus und sieht grundsätzlich auch wie ein Maßleisten aus.

Aber der Serienleisten ist in vielerlei Hinsicht ein Kompromiß, nicht zuletzt weil die darauf angefertigten Schuhe an möglichst viele Füße passen sollen.
Das fängt damit an, dass rechter und linker Leisten die gleiche Bemaßung hinischtlich Länge, Breite, Umfang, Fersenkurve/-bogen usw. haben und
demzufolge die Abweichungen, die der zweite Fuß aufweist, nicht berücksichtigt werden.
Es ist mir derzeit kein Hersteller bekannt, der seinen Kunden die Möglichkeit anbietet ein Paar Schuhe auf zwei verschiedenen Leistenformen anfertigen zu lassen.
Betrachtet man den Leisten von der Ferse aus in Richtung Vorfuß, so muss der jeweilige Hersteller bereits beim Fersenbogen (Form/Ausprägung der Fersenkappe) mit einem frei gewählten Mittelmaß dafür beginnen.
Wohl gibt es in den USA verschiedene Fersenbreiten zur Auswahl, aber nicht von jedem Hersteller, und selbst wenn, dann betreibt kein Einzelhändler diesen hohen Lagerhaltungsaufwand,
so dass diese theoretische Möglichkeit praktisch ins Wasser fällt.
Leisten, und damit Schuhe in verschiedenen Ristbreiten und -höhen werden jedoch angeboten - dito Formen in verschiedenen technischen Ballenbreiten.

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Bei der weiter vorne in Richtung Zehen liegenden anatomischen Ballenbreite, respektive deren Meßpunkt, der die Besonderheit aufweist, dass sich dort die Breite des Schuhes nicht ändert,
oder nicht wesentlich ändert, hat die Gestaltung des Serienleistens einen gewissen Spielraum, d.h. der Designer und der Leistenbauer können die Ballenlinie innerhalb dieses Bereiches
nach vorne oder nach hinten verschieben, je nachdem welche Form der fertige Schuh später aufweisen soll.

Bei Untersuchungen stellte das Schuhprüfinstitut Pirmasens (PFI) allerdings fest, dass Schuhhersteller und Leistenbauer sich nicht immer an diese Toleranzzone im Bereich der anatomischen Ballenlinie halten oder diese berücksichtigen,
sondern, hier kann nur spekuliert werden, aus Gründen der besseren Optik und Verkäuflichkeit der Schuhe ihre Leisten schlanker konstruieren und damit die Biegeachse der Schuhe nach vorne in Richtung Schuhspitze verlagern.
Dies führt beim Gehen (Abrollen) dann allerdings zu erheblichen Gehfalten in diesem Bereich, erschwert das Abrollen unnötig und belastet so die Fußgelenke, da die Füße wesentlich stärker angehoben werden müssen und
sich die Biometrik ändert.
Den nachfolgenden Zeichnungen kann man dies deutlich entnehmen.
Die linke zeigt die anatomische Ballenlinie und deren Toleranzzone - die rechte den Mittelwerte verschiedener Schuhe, dass bei eingen Modellen deren Biegezonen außerhalb der Toleranzzone (Schmerzempfinden usw.) liegen.
Die innenliegende, braune Konturlinie beschreibt die Trittspur des Fußes, die äußere die maximale Breite bzw. die Gesamtfußlänge, die ab dem äußersten Punkt (hinten) der Fersenkurve gemessen wird.
1049

Der rechten Zeichnung ist auch deutlich zu entnehmen, dass die Schuhe im statistischen Mittel zu lang und damit falsch konstruiert sind.
Addieren sich zu einem fehlerhaften Leisten noch Produktionsfehler wie z.B. zu lange Vorderkappenbesätze oder zu lange Vorderkappen (Verstärkungen zw. Futter- und Oberleder),
dann ist eine starke Gehfaltenbildung und durch sie ausgeübter Druck bis hin zum Schmerzempfinden im Bereich der Zehengelenke vorprogrammiert.

Das Untersuchungsergebnis des PFI zeigt auch sehr deutlich, dass sich die Schuhersteller nicht immer um die Maß- und Dimensionsvorgaben der verschiedenen Tabellen scheren,
sondern ihre Modelle so elegant gestalten, dass sie sich in den Verkaufsprospekten schön anschauen und später auch leicht verkaufen lassen.

Wie schon vorher erwähnt bestimmt die technische Ballenlinie bei Serienleisten viele Maße des Leistens.
Und dann kommt noch eine Besonderheit der Serienleisten zu diesem Attribut hinzu:
Nach dem Entwurf des Schuhmodells wird nur ein Leistenpaar als Muster, an dem dann noch eventuelle Korrekturen nach der Bemusterung vorgenommen werden, hergestellt;
dies ist in der Regel bei Herren die Größe 42 und bei Damen die Größe 38.
Alle anderen Leistengrößen für die kleineren und die größeren Schuhnummern werden rein rechnerisch von diesem Ur-Leisten rein mathematisch abgeleitet - man spricht dabei
vom Gradieren.
Bereits beim Urleisten vorhandene Fehler werden so automatisch auch auf die anderen Leisten und damit letztenendes die Schuhe übertragen.
Wesentlich sinnvoller wäre es dagegen, dass man die zu den verschiedenen Fußgrößen und Fußformen vorliegenden Untersuchungsergebnisse bei den Dimensionierungen
der verschiedenen Leisten in den jeweiligen Größen und Weiten berücksichtigen würde und die Konstruktionsfehler abstellt.

Leistenfazit:
Es ist nun nicht so, dass ich Serienleisten als Kompromiss rundum ablehnen würde,
aber die vorstehenden Ausführungen zeigen mehr als deutlich, dass am Anprobieren der gewünschten Schuhe kein Weg vorbeiführt und
dass man möglichst viele Schuhe von verschiedenen Herstellern und auf verschiedenen Leisten angefertigt anprobieren oder antesten muss,
um mit einem Serienschuh auch einen halbwegs passenden und tragbaren Kompromiß zu finden - Kompromiß deshalb, weil die beiden eigenen Füße unterschiedlich groß sind,
die beiden Serienleisten haben die dieselben Maße, halt eben asymetrisch (gespiegelt) ausweisen.

Und genau in diesem Punkt liegt das eigentliche Problem begründet:
Wann und wie weiß der Käufer oder die Käuferin wann sie diesen guten Kompromiß für ihre beiden Füße denn tatsächlich (schon) gefunden hat?
Viele sagen, dass ihnen ihre Schuhe gut passen würden - aber wie erklärt sich, dass bei 5200 untersuchten Personen 84 % die falsche Schuhgröße trugen?
Daher kann nur ein wirklicher Experte, der zudem sehr objektiv beraten muss, dem Kunden helfend zur Seite stehen und ihn beraten ob und in wieweit die gerade anprobierten Schuhe
zu beiden Füßen passen - dies beginnt mit der Fersenkurve/-bogen, die Fersenbreite, geht weiter über die Quartierhöhe am Einschlupf (Knöchelhöhen), den Rist und die Schnürung,
die anatomische Ballenline als Biegelinie, die Höhe des Schaftes in diesem Bereich, seine Breite und ob die zwischen Ober- und Futterleder eingeklebte Vorderkappe nicht zu lang ist
und die Schuhspitze nicht die außenliegenden Zehen (großer und kleiner) quetscht - um nur einmal die wichtigsten Punkte anzusprechen.
Nur wenn die Dimensionen des zweiten Fußes dann wesentlich von dem "Anprobierfuß" abweichen, dann ist guter Rat teuer und ein paar handgemachte Schuhe, noch keine Maßschuhe,
angesagt, und damit derzeit noch ein Besuch bei einem italienischen Schuhmacher.

Aber leider glauben viele Schuhkäufer, dass sie mit den Schuhen, die sie aktuell tragen, schon die optimal sitzenden Schuhe für ihre Füße gefunden zu haben - leider oft ein Irrtum.
Auf die Details dieses Irrtums gehe ich bei den handgemachten Serien-Schuhen aus Italien ein. Japan käme wohl auch in Frage, aber die Entfernung - Ungarn und Budapest wären
allerdings eine Alternative, aber nur wenn die Schuhe nicht mit harten Sohlen ausgestattet werden!

Abschließen möchte ich das Thema Serienleisten mit der Bemerkung, dass ich keinen Händler in Deutschland kenne, der Schuhmodelle durchgängig in
3 oder 6 Weiten gemäß dem Untersuchungsergebnis des PFI in den vorgeschlagenen Dimensionen führt und, da bin ich ganz ehrlich,
ich Internetdiskussionen über Leisten, Leistendatenbanken, Passformen und Leistenempfehlungen als blanken Hohn empfinde und rundum ablehne,
da niemand die Füße des Fragestellers kennt, sie vermessen hat oder gar die Leistenmaße des angefragten Herstellers kennt bzw. weiß,
ob die angeblich gut passenden Schuhe ihm denn auch wirklich gut passen (84 % irren sich bekanntlich - also leider sehr viele!)



Ich würde mich aber sehr über Ihr Feedback freuen - ob verständlich oder zu kompliziert oder sonstige Kritik.


Teil III - Die Schuhe